Eine Bitte an die Völker Europas

Liegt Troja unterm Kurfürstendamm?

Im Jahre 1873 plünderte ein gewisser Heinrich Schliemann an einem Ort, den er für das antike Troja hielt, Gräber, die vermutlich mehr als viertausend Jahre alt sind. Das geraubte Gold, das Herr Schliemann in seiner begeisterten Gier für den "Schatz des Priamos" hielt, schmuggelte er ins wilhelminische Berlin. Weihevoll vermachte er seinen Diebstahl "dem deutschen Volke". Heinrich Schliemann wurde zur intellektuellen Leitfigur einer Epoche, die solide Halbbildung, anmaßenden Nationalismus und geschäftliche Gerissenheit glücklich vereint.

"Es ist ein armseliges, kleinliches Ideal, für eine Nation zu schreiben"(Schiller in einem Brief an Körner).

Schliemann bewies ein souveränes Verständnis dafür, daß es ganz gleichgültig ist, ob das große Troja unter einem türkischen Steinhaufen oder unter dem protzigen Kurfürstendamm begraben ist: Die großen Werke der Kultur haben keine nationalen Besitzer, sie gehören den Völkern der Welt, sie sind das Erbe unserer Zukunft. Allerdings brauchen die großen Werke der Kultur Wächter, die sie hüten und schützen, und sie zugänglich machen für jedermann.

War Beethoven ein Pole?

"Zusammen mit den Fragmenten der Beethoven-Urschrift (der Achten Symphonie) hat man 1941 nach den ersten Bombenangriffen auf Berlin etwa 20000 Notenhandschriften von Bach, Mozart, Mendelssohn-Bartholdy und Schubert in die Benediktinerabtei Grüssau in Schlesien ausgelagert, dazu Briefe und Nachlässe unter anderem von Goethe, Herder, Hoffmann von Fallersleben, Humboldt, Kleist, Kant, Lessing und Schiller. 1945 wurde aus Grüssau Krzeszów - die Kostbarkeiten befanden sich ohne polnisches Zutun nunmehr auf polnischem Gebiet. Seit Jahren signalisiert Polens Regierung die Bereitschaft zur Rückgabe, macht aber keinen Hehl daraus, dass sie die wertvollen Handschriften als Faustpfand im Streit um die Rückgabe polnischer Kunstschätze betrachtet, die von den Nazis geraubt worden sind, oder als Schadensersatz für vernichtete Werke. In der Tat hat Polen auf diesem Gebiet ungeheure Verluste erlitten. Zwei Drittel des gesamten Bibliotheksbestands haben den Krieg nicht überdauert. Handschriften und Nachlässe größter polnischer Schriftsteller wie Mickiewicz, Slowacki, Sienkiewicz, Norwid, Wyspianski, Chopin endeten nach dem Warschauer Aufstand auf dem Scheiterhaufen. Ähnlich erging es den Warschauer kartografischen Sammlungen, sodass die Berliner Staatsbibliothek heute über reichere Bestände an historischen polnischen Stadtplänen verfügt als alle polnischen Archive zusammen. (Zeit Nr. 32, 5.8.99 S.9)

"Kulturgüter sicherstellen, die zur Erforschung der Tätigkeit der Gegner des Nationalsozialismus und für die nationalsozialistische Forschung geeignet sind" (Direktive des Reichsleiters Rosenberg für den Abtransport ungezählter Tonnen von Büchern und anderer Kulturgütern aus der Sowjetunion nach Nazideutschland)

Als im Juni 1945 Sowjetsoldaten den "Schatz des Priamos" in Holzkisten verpackten und nach Moskau abtransportierten, zogen die Völker der Welt damit nur die Konsequenz daraus, daß sich der deutsche Imperialismus als völlig ungeeignet erwiesen hatte, das kulturelle Erbe der Menschheit, soweit es sich in seiner Hand befand, zu schützen und es zugänglich zu machen für jedermann. "Der Faschismus verbrennt Bücher. So ist er." (Heinrich Mann). Heute fordert Großdeutschland das, was er, ganz in Schliemannscher Rede-und Denkweise, "Beutekunst" nennt von der ehemaligen Sowjetunion und anderen osteuropäischen Ländern zurück. Mit keinem anderem Recht als dem der soliden Halbbildung, dem anmaßenden Nationalismus und der geschäftliche Gerissenheit, inzwischen vermehrt um Auschwitz und Buchenwald.

 

Was man damals verbrannte, wird heute abgewickelt

Mit der Annexion der DDR bewies der deutsche Imperialismus, wie sehr er sich geläutert hatte. Dieses Mal wurden die Bücher nicht verbrannt sondern untergepflügt. Kein Albert Einstein wurde wegen undeutscher Physik vertrieben, stattdessen wurden Kultur und Wissenschaft samt den dazugehörigen Wissenschaftlern "abgewickelt":

„Nach vorliegenden Schätzungen sind bis Ende 1991 mehr als 50% der ehemaligen Wissenschafts,- und Forschungslandschaft (inkl. Industrieforschung) der ehemaligen DDR institutionell oder personell liquidiert. Von 80000 Industrieforschern arbeiten nur noch 20000 in der Wirtschaft des Ostens. Das ist ein Vorgang, der in der europäischen Geistesgeschichte ohne Beispiel ist." 70 000 Wissenschaftler der DDR werden überflüssig gemacht, mit Renten unter dem Sozialhilfeniveau. Die Geisteswissenschaften haben ausgedient. Aber nicht nur sie. Abgewickelt werden unter anderem :

- Der Bereich Hoch,-und Fachholschulpädagogik und das Institut zur Ausbildung von Ingenieurspädagogen der Universität Chemnitz,

- der Bereich Ethik und Sozialwissenschaften der Pädagogischen Hochschule Leipzig,

- die gesamte Deutsche Hochschule für Körperkultur,

- das Institut für Sozialhygiene, die Abteilung für Epidemiologie und die Abteilung für Pathologische Anatomie der Friedrich-Schiller-Universität Jena,

- die Abteilung Plasmatechnik Meiningen, das Technikum Feinmechanik/Optik/Elektronik Suhl der Technischen Hochschule Ilmenau,

- das Institut für Pädagogische Psychologie der Universität Greifswald,

- das Institut für Sozialhygiene und Gesundheitsinformation in Cottbus,

- das Institut für Tierärztliche Lebensmittelhygiene Dahlwitz/Hoppegarten,

- das Zentralinstitut für Apothekenwesen und Medizintechnik Frankfurt/Oder,

- das Meteorologische Institut (Umweltmeteorologie) Lindenberg/Potsdam,

- das Institut für Ökonomie des Ressourcenschutzes, Potsdam,

- das Staatliche Institut für Epizytologie und Seuchenbekämpfung, Wusterhausen,

- das Institut für angewandte Tierhygiene,

- das Forschungszentrum für Bodenfruchtbarkeit, Müncheberg,

- die Ingenieurhochschule Berlin-Wartenberg..."

"Hier wird", stellte die Süddeutsche Zeitung damals fest, "mit kühler Geste eine komplette Hochschullandschaft zu Trümmern zerschlagen. Wie anders kann man es nennen, wenn aus 52 Universitäten künftig 10 werden sollen und aus 270 Fach,-und Ingenieursschulen 20, in Worten: zwanzig." (Süddeutsche Zeitung 13/14. 7.1991)

"Die Deutschen haben unsere Bibliotheken verbrannt, wir haben ihre gepflegt und erhalten. (Der Direktor der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau, wo Beethovens Handschrift der Achten Symphonie aufbewahrt wird)

Kein "Schatz des Priamos", keine Handschrift Beethovens, nichts ist vor den deutschen Beutemachern sicher. Solange das so ist, solange wir das nicht ändern konnten, solange können wir die anderen Völker nur bitten: Verschließt Eure Museen, verrammelt Eure Archive, vernagelt Eure Schlösser und Kirchen vor den Grabräubern und Bücherverbrennern aus Berlin. Behaltet und beschützt, was Eure Soldaten dem deutschen Faschismus entreissen konnten. Liefert dem Vierten Reich nicht aus, was Ihr vor dem Dritten gerettet habt. Solange dieses Land seiner Schande nicht gedenken kann, solange ist es ein schlechter Hüter der Achten Symphonie.

 

ZK des

Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD

11. August 1999